Dies ist der Beginn meines Blogs, es stellt den Anfang eines neuen Lebensabschnitts dar.
Ich befinde mich zur Zeit in meinen Abitur-Vorbereitungen, sammle Spenden für mein soziales Jahr in Bolivien und plane meine Zeit danach.
Meine Schulzeit nähert sich dem Ende, aber jedes Ende bringt einen Anfang mit sich, ich fange in Bolivien an und das ist das Hauptthema meines Blogs.
Nachdem ich mein Abitur beendet habe, plane ich ein soziales Jahr in Bolivien zu verbringen mit der gemeinnützigen Organisation Weltweite Initiative für soziales Engagement (WISE). Ich werde in El Alto auf freiwilliger Basis ein Jahr arbeiten. El Alto liegt am Rand von der Hauptstadt Bolviens La Paz und ist eine städtische Agglomeration von La Paz in mehr als 4000 Metern Höhe.
In El Alto werde ich in einem Kulturzentrum, das abgekürzt COMPA heißt, arbeiten. Die Comunidad de Productores de Artes (soziale Gemeinschaft der Kunstschaffenden) ist ein soziales Theaterprojekt, welches Sozialarbeit mit Kunst in jeglicher Form verbindet. Dieses allgemeinnützige Projekt ist gewissermaßen mein Arbeitgeber, von dem ich Unterstützung in Form von Mentoren bekomme. Außerdem werden ein paar der Freiwilligen aus dem vorherigen Jahrgang uns anfänglich Starthilfe leisten und uns erklären wie die Dinge laufen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle betonen, dass ich freiwillig, ohne Lohn arbeite, ich lebe von der Unterstützung des Staates (siehe „weltwärts“) und durch meine Spenden. Zu den Spenden lässt sich noch sagen, dass diese der Organisation WISE zugute fließen, die alles, was „weltwärts“ nicht deck, bezahlt und sich mit diesen Spenden gleichzeitig selbst unterhält, dem guten Zweck gewidmet.
Mit uns meine ich eine kleine Gruppe von Freiwilliger aus Deutschland, die alle im Rahmen von COMPA arbeiten. Wir werden zusammen in einer Wohngemeinschaft leben, unterschiedlicher Arbeiten nachgehen, aber dennoch viel miteinander zu tun haben.
Arbeiten bedeutet verschiedenste Workshops zu leiten, ob nun mit theatralischer Struktur oder einen Lego-Workshop, es hängt im Prinzip von uns Freiwilligen ab, was wir umsetzten [können]. Darüber hinaus gibt es eine mobile Schule, ein Anhänger, der in die abgelegensten Stadtteile fährt und dort wird auf der Straße unterrichtet. Aber wir konzentrieren uns nicht ausschließlich auf das COMPA, sondern haben eine 4+1-Woche, was bedeutet, dass wir vier Tage in COMPA und dessen Projekten arbeiten und an einem Tag in der Woche eine andere Einrichtung/Beschäftigung mit sozialem Ziel nachgehen. Als Beispiel lässt sich das Trainieren einer taub-stummen Basketballmannschaft anführen, nachdem ein ehemaliger Freiwilliger dieses Training umsetzte, gewann der nachfolgende Freiwillige, der die Mannschaft übernahm, ein nationales Turnier.
Theater wird im allgemeinen und vom COMPA selbst als eines der besten Mittel angesehen, soziale Ungerechtigkeit zu bekämpfen, denn auch wenn die Betroffenen unter Umständen “nur” seine Situation darstellt, so gibt das darstellen und der dazugehörige Applaus positive Schübe für das Selbstwertgefühl.
Bolivien ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas, der größte Teil der Bevölkerung ist indigener Abstammung, die Reichtümer sind ungerecht verteilt. Auch wenn der jetzige Präsident Evo Morales versucht, die Indigenen aus der Schlucht der jahrelangen, ja sogar jahrhunderte langen Diskriminierung zu ziehen, so stehen nicht alle Bolivianer hinter der angestrebten Gleichberechtigung. Es existieren Spannungen im Land, es lässt sich auf einen Konflikt zwischen dem ärmeren, sozialistisch eingestellten Hochland und den reichen Ebenen runterbrechen. Morales kämpft für das Hochland, wo ein großer Teil der indigenen Bevölkerung lebt, wie zum Beispiel in El Alto, die andere Partei sind die reichen Großgrundbesitzer, die gegen jegliche Form der Verstaatlichung ankämpfen, um ihren Reichtum und ihre Vormachtstellung zu wahren. Bolivien sieht von politischer Seite gespalten aus, weil zwei gegensätzliche Gesellschaftsauffassung in zwei unterschiedlichen Teilen Boliviens existieren.
Damit will ich mich nicht auf eine politische Seite stellen, mir geht es um die Menschen und nicht in erster Linie ihre politischen Überzeugungen.
Währenddessen hat sich die Allianz des Halbmondes formiert (medialuna), die den größten Reichtum des Erdöls Boliviens und die größten Agrarregionen Boliviens vereinen. Halbmond deswegen, weil die vier Provinzen des Ostens Santa Cruz, Tarija, Beni und Pando auf der Karte einen Halbmond bilden. Ein Teilaspekt ist, das Sucre zur Hauptstadt gekürt werden soll, zum Nachteil von La Paz.
Beobachter sprechen sogar schon von einer bevorstehenden Teilung des Landes, doch schlussendlich liegt es in der Hand von Evo Morales, ob er einen Konfrontationskurs fährt oder Kompromisse sucht. So kommt der Soziologe Muruchi Poma in der Biografie Morales’ zu dem Schluss, dass es um die Freiheit und Frage des Teilens geht, dabei sei zu beachten, dass die Geschichte beweist, dass weder Kriege, noch Trennung Problem lösen können.
Zur politischen Situation lässt sich anmerken, dass das Land durchaus in Aufruhr ist, aber der Wunsch nach Veränderung nicht wie ein Sturm über dem Meer tobt. Die großen Entscheidungen werden von Politikern getroffen, lediglich Sucre ist in Aufruhr, mit dem Wunsch Hauptstadt zu werden. Es besteht keinerlei Gefahr für keinen der in Bolivien stationierten Freiwilligen.
Denn COMPA ist nicht die einzige Anlaufstelle für Freiwillige aus Deutschland, WISE hat noch andere Projekte in Bolivien, wo auch deutsche Freiwillige arbeiten, zum Beispiel das Schwesterprojekt von COMPA in Cochabamba.
Generell geht WISE von einer großen Eigenständigkeit seiner Freiwilligen aus, deswegen haben die Freiwilligen große Freiräume, wenn sie die Rahmenbedingungen einhalten. Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist die Freiwilligenzeitung, die neuste Ausgabe gibt es immer hier. WISE ist eine kleine Organisation, aber eine gute, nicht nur weil WISE zusammen mit Frau Wieczorek-Zeul,
weltwärts vorgestellt haben, sondern weil sie an der Basis, wie sie es nennen, arbeiten. Das Helfen an den Grundzügen der Gesellschaft, nicht weil etwas grundlegendes verändert werden soll, sondern um den benachteiligten Menschen, den Ärmsten der Armen zu helfen, um einen Fundament zu schaffen, auf dem aufgebaut werden kann.
Vielleicht denken sich einige Leser, dass dieser Fakt ein Grund für Gefahr darstellen kann, aber das kann ich verneinen, denn ich werde nicht als „Tourist“, sondern als Helfer auftreten. Auch wenn sich manche meiner Äußerungen sehr nach dem Gleichnis des barmherzigen Samariters anhören, so ist Nächstenliebe, ohne auf den christlichen Ursprung anzuspielen, einer der Gründe für dieses Jahr. Aber meiner Motivation und meinen Beweggründen widme ich einen eigenen Eintrag.
Abschließend möchte ich noch den Tag des Meeres erwähnen. Jedes Ostern gehen die Menschen Boliviens auf die Straße, es wird gefeiert, die Marine steht im Mittelpunkt. Denn obwohl Bolivien vor fast 200 Jahren sein Stück Küste an Chile in einem Krieg verloren hat, so ist das Verlangen immer noch nicht erloschen.
Es ging um einen wertvollen Rohstoff in dieser Wüstenregion für Schusswaffen und englische Konzerne waren daran interessiert und rüsteten Chiles Armee aus, Bolivien verlor. Doch nach so vielen Jahren existiert immer noch der Drang ein Stück Küste zu besitzen für Bolivien, bis jetzt hat Bolivien alles versucht das Stück Küste zurückzuerlange, alles bis auf einen Krieg. Dementsprechen sind Bolivianer und Chilenen nicht gut aufeinander zu sprechen, weil der Konflikt in seinem Kern ist immer noch präsent, deswegen hat Bolivien nach wie vor eine Marine, in der Hoffnung irgendwann in ferner Zukunft Land zu besitzen, das an das Meer grenzt und diese Hoffnung lässt alle sozialen Unterschiede und Grenzen schwinden, es ist einer der wenigen Punkte, die Bolivien vereint für ein paar Tage im Jahr.
Tollste Grüße
Philipp
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